Fünf Wochen ohne Motor

Wir haben es geschafft. Fünf Wochen ohne funktionierenden Motor.

Echtes Segeln und echtes Warten.

 

In Bequia, eine Insel südlich von St. Vincent, sprang unser Motor nicht mehr an. Gott sei Dank kurz nach einem erfolgreichen Ankermanöver. Julia wollte ihn kurz nochmal starten, um die Motorstunden abzulesen, doch außer unserem Anlasser ging nichts mehr.

Es folgten Tage im Motorraum, um den Grund herauszufinden. Ich absoluter Anfänger der Dieselmotortechnik musste schnell lernen, wie so ein Ding funktioniert. Mit viel Hilfe und Unterstützung von befreundeten Seglern, Kompetenz aus Übersee von Deutschland und der Schweiz, von lokalen Handwerkern und glücklicherweise auch von einem englischen Dieselmechaniker, den wir uns von einer Superyacht „ausgeliehen“ hatten.

Schleife um Schleife drehten wir im Motorraum und hangelten uns über die klassischen Fehlerquellen: Luft in den Leitungen, Wasser im Diesel, äußerer Kühlwasserkreislauf, innerer Kühlwasserkreislauf, verunreinigtem Diesel, verstopfte Leitungen, Starterelektrik, Magnetventil zum Stoppen des Motors… und zum Schluss bleib nur noch eine Möglichkeit: Die Einspritzpumpe. Das teuerste und komplizierteste Teil. Na super. Und so kamen wir zum Zwischenfazit: Reparatur auf der Insel nicht möglich. Ersatzteil nicht vorhanden, denn die Pumpe wird nicht mehr produziert.

Wir hatten zwei Optionen: Ich pack die alte Pumpe, buche einen Flug nach Miami (dort sitzt die empfohlene Fachwerkstatt für Volvo Penta Einspritzpumpen) warte dort auf die Reparatur ODER wir segeln ohne Motor 140 Seemeilen = 36h am Wind nach Martinique, um die Pumpe dort von einem zertifizierten Volvo Penta Händler ausbauen zu lassen und dort reparieren zu lassen.

Und noch während Julia und ich zusammen mit Hans, einem holländischen Segler, Familienpapa und Ingenieur diese Optionen diskutieren, nähert sich ein Dinghi und hält an der Bordwand von Lady Blue an. Ein junger französischer Segler, David, fragt an, ob wir demnächst nach Martinique segeln wollen, er sucht noch ein Boot um mitzusegeln. Wir schauen uns an… und denken … was für ein Zufall, vielleicht ein Zeichen. Nach ein klein wenig Bedenkzeit sagen wir zu und zwei Tage später klarieren wir aus und David zieht zu uns auf die Lady Blue. Die Kinder lieben ihn und wir lieben und schätzen die nun kommende Zeit mit drei Erwachsenen und drei Kindern.

Mit der Anwesenheit von David fiel uns die Entscheidung leichter zu sagen: Wir segeln nach Martinique. 140 Meilen. Am Wind. Ohne Motorbackup. Ein Tag und eine Nacht. Gegeben falls auch zwei Tage und eine Nacht.

Und so hangelten wir uns zur nächsten Herausforderung: Anker Auf unter Segeln inmitten eines Ankerfeldes. Wir diskutierten Manöver für Manöver. Konstruktiv wurde es, als ich meinen Stolz über Bord warf und akzeptierte, dass ein weiteres Dinghi im Wasser eine sehr große Hilfe wäre, uns schnell zu drehen. Denn zum Ablegen, sobald der Anker nicht mehr greift, mussten wir uns schneller drehen als driften. Sonst wären wir auf der Floating Bar hinter uns gelandet. Und so legten wir am Freitag, den 18. Februar um 10 Uhr in Bequia ab. Unterstützt von Andy & Antonjia von der Lust4Life im Dinghi. Und ich kann Euch sagen, 10 PS achtern am Schiff angesetzt entfalten ein Drehmoment, da wird jedes Bugstrahlruder blass vor Neid 😊

Unserer Strategie ging auf und wir drehten uns erheblich schneller, als wir drifteten und segelten mit vollem Großsegel Halbwind/Raumwind durch das Ankerfeld hinaus auf den freien Ozean.

Es folgten 40 Stunden, die wir in Nachhinein zu den schönsten Segelerlebnissen zählen werden. Am Wind hinauf in den Norden, durch die Nacht pflügte unsere LADY wie auf Schienen durch die Wellen und es war reines pures Segeln.

Südlich von St. Vincent kamen wir doch noch in die Landabdeckung und hatten eine halbe Stunde Flaute. Puhhh… ohne Motor in der Flaute. Das Schiff rollt von einer Seite auf die andere und Du kannst NICHTS dagegen tun. Gar nicht meine Sache. Doch der Wind kam wieder und wir fuhren noch weiter raus, so dass wir nachts an St.Lucia vorbei mit mehr als zehn Seemeilen Abstand zum Land gen Norden rauschten.

Ursprünglich wollten wir am Samstag nach St. Anne, im Süden von Martinique segeln. Dort stand auch schon die Volvo Penta Experten bereit. Doch nach zwei Wenden mit einem Wendewinkeln von 180° mussten wir anerkennen, dass gegen Wind, Welle und gegen ca. 2kn Strömung einfach nichts zu machen war. So liefen wir Halbwind weiter nach Norden und ankerten in Grand Anse d’Arlett. Der Anker fiel gegen 14 Uhr in 10m Tiefe hinterm Ankerfeld und wir sprangen glücklich ins Wasser. David wurde noch am gleichen Abend von seinen Freunden abgeholt und wir fünf feierten unser pures Segelerlebnis im nahegelegenen Strandlokal.

Doch dort konnten die Volvo Penta Mechaniker kaum hinkommen, daher gingen wir nach zwei Tagen wieder Anker auf, David kam zurück und wir segelten 5 Stunden in die Hauptstadtbucht von Fort-de-France rein. Natürlich mussten wir gegen den Wind reinkreuzen. Skipperin Julia war voll in ihrem Element. Pures Segeln auf der hohen Kante. Und ich war sogar mit allen drei Kindern bei 5 Windstärken auf AmWind Kurs auf dem Vorschiff. Eingeklinkt und mit großer Freude am Singen und Lieder texten und komponieren. Unser zweites pures Segeln ohne Motor.

Die Ansteuerung war jedoch durchaus anspruchsvoll. Fährverkehr, betonte Fahrwasser, wandernde Untiefen, Kitesurfer, große Tanker und das Ganze am Wind unter Vollzeug mit drei Segeln oben. Doch der Skipperin standen zwei wachsame Männer zur Seite, so dass die Crew das Schiff sicher im Griff hatte. Und wenn das Leben grad am Schönsten ist, dann setzt es manchmal noch einen drauf: Kurz vor der Untiefe und dem querenden Kitesurfer ging die Funke an: „LADY BLUE, LADY BLUE, LADY BLUE – this is the french Coast Guard speaking.“ Ach herrje. Doch zuerst die Wende, weg von der Untiefe, dem Kitesurfer aus dem Weg und dann die Skipperin zur Funke. Eine Seemeile nördlich von uns war ein Segler auf eine Untiefe gefahren, hing schräg drauf und schaffte es alleine nicht sich zu befreien. Als nächstes Schiff wurden wir gefragt, ob wir ihm nicht bitte zur Hilfe eilen können. Na ja. Leichter gesagt als getan. Wir erklärten der Küstenwache, dass wir mit drei kleinen Kindern an Bord ohne Motor vielleicht nicht das ganz geeignete Boot wären, um bei der Rettungsaktion zu unterstützen. Das verstand auch die Küstenwache und bat uns ausschließlich bitte in der Nähe zu bleiben, um die Augen vor Ort zu sein, denn der Segler auf der Sandbank reagierte nicht auf sein Funkgerät. Julia und ich brachten LADY BLUE weiter auf Kurs Richtung Marina und überließen die Funkdetails David, so dass die Kommunikation mit der Coast Guard auf französisch fortgesetzt wurde. Zur Freude aller.

Doch auch dieser Tage ging erfolgreich zu Ende und wir legten mit Hilfe eines Kajakfahres sicher an der Boje vor der Marina an (denn mit Motorschaden durften wir nicht in die Marina fahren).

Dort hingen wir nun sicher an der Boje und warteten auf die Reparatur. Durch Karneval verzögerte sich alles weiter, doch schließlich kam die Einspritzpumpe raus und zum Einspritzpumpenreparaturexperten. Leider war es diesem, aufgrund fehlender Ersatzteile, nicht möglich die Pumpe zu reparieren. Mit dieser Information ging für uns die Welt unter, denn… die Pumpe für unser Volve Penta Modell wurde auch nicht mehr produziert. Frank, der Chef von „Inboard Diesel Systems“ und ich suchten zwei Tage weltweit nach einer gebrauchten Einspritzpumpe für unser Modell MD31A. Weder in den USA, noch in Schweden direkt bei Volvo Penta, noch in Deutschland wurden wir fündig. Doch überall fand ich hilfsbereite Menschen, die mir sagten: „Probier es doch mal dort. Vielleicht kann er Dir noch helfen“, denn an sich handelt es sich um eine Standard Einspritzpumpe von Bosch.  Und so hangelte ich mich quer durch Europa bis ich in Rotterdam fündig wurde. Jippie. Eine gebrauchte Einspritzpumpe für unseren Motor. 3.000,-€. Bumm. Und wir waren wieder auf dem Boden angekommen.

Frank hatte jedoch gleichzeitig nach anderen Möglichkeiten geschaut und wurde fündig in einer Einspritzpumpe vom Modell MD31T. Diese wurde aktuell aus einem anderen Boot ausgebaut, welches einen neuen Motor bekam und Frank meinte, dass es möglich sei, diese so zu modifizieren, dass sei bei uns passt. Einzig der Dieselrücklauf muss neu gebaut werden. Das fühlte sich machbar an. Wegen dem Preis von 500,-€ für die gebrauchte hier auf der Insel und der sofortigen Verfügbarkeit entschieden wir uns für die Anpassung.

Und so bereiteten wir die Lady Blue, hoffentlich zum letzten Mal, für einen Schlag unter Segeln vor. Denn wir sollten ins kleine Fischerdörfchen Case Pilote, um die Ecke von Fort-de-France, kommen, wo Frank und sein Team ihre Werkstatt hatten und auch einen Platz am Werkstattpontoon.  Somit legten wir an unserer Boje ab und segelten direkt in einen Squall mit 25kn. Für 10 Minuten kachelte der warme Regen von Hinten ins Cockpit und wir hatten alle Hände voll zu tun. Doch anschließend kam die Sonne raus und wir segelten bei schönstem Wetter an der Hauptstadt vorbei mit raumen Wind, 12 Knoten und kein Atlantikschwell. Ronja meinte: So macht Segeln richtig Spaß. Wie auf dem Bodensee. 😊

In Case-Pilote dockten wir mit Dinghihilfe von Freunden am Volvo Penta Pontoon an und dort wurde schließlich und endlich und final unsere Einspritzpumpe von Frank und seinem Team repariert.

Fünf Wochen ohne Motor waren vorbei und er lief besser denn je.

Fazit:

Diese fünf Wochen stellten uns als Familie vor zwei große Herausforderungen: Energie und Wasser.

Zur Stromerzeugung waren wir, da wir keinen Generator an Bord haben, ausschließlich auf unsere Solarpaneele mit 440 Wattpeak angewiesen. Die Tage waren meistens sonnig und so produzierten wir (und verbrauchten wir) im Durchschnitt 2.000 Watt. Bei unserem 12 Volt System an Bord macht das 166 Amper, die wir in 24h zur Verfügung hatten für Licht, Wasserpumpe, Ankerlicht, Kühlschrank und Handy laden. Pro Stunde ergab sich somit ein Energieverbrauch von 7A pro Stunde. Das ist sehr wenig und ich bin sehr stolz auf uns, dass wir es mit so wenig Energie geschafft hatten.

Wasser war das andere große Thema. Auch einen Wassermacher haben wir nicht an Bord, jedoch fasst unser Wassertank 550 Liter. Mit Hilfe der Marineros in Etang z’Abricot konnten wir nach zwei Wochen einmal am Pontoon nachtanken. Auch kam hier unsere 160 Liter „Notfalltrinkwasser“ von der Atlantiküberquerung zum Einsatz in Form von 8l Kanistern. Insgesamt verbrauchten wir zu fünft in diesen fünf Wochen 1.200 Liter Wasser. Das ergibt rechnerisch 34 Liter pro Tag für uns als Familie und 7 Liter pro Person. Wow.

Mal angenommen wir würden das ein Jahr lang schaffen, macht das einen Jahresverbrauch von ca. 13.000 Litern. Ich müsste mal in unsere Stadtwerkeabrechnung gucken, wie hoch unser Jahresverbrauch in Solingen war. Wahrscheinlich mehr, viel mehr…

Doch zurück zum Motor:

Es war eine prägende Erfahrung.
Was alles möglich ist, wenn es denn sein muss.
Was bleibt ist der Stolz es geschafft zu haben.
Und von den 140 Seemeilen von Bequia nach Martinique werden wir noch oft erzählen. Es war eines unserer seglerischen Highlights in diesem Jahr.

 

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